DR. DAVID GULDA präsentiert sein Buch “Loew – Lebenswege einer jüdischen Familie”
mit musikalischer Begleitung von Paul Gulda
„Und ein Segen ist es, nicht dabei zu sein, wenn Geschichte gemacht wird. Wir haben sie zu erdulden“. Ahnungsvolle Worte einer alten Frau aus der Judengass von Boskowitz, angesichts des Sieges Napoleons bei Austerlitz.
Ihr Enkel Isaak wird einer in der endlosen Zahl namenlos Duldender sein. Doch seine Geschichte verliert sich nicht im Dunkel. Denn sie, sowie jene seiner Nachkommen und deren Verwandten hat David Gulda in seinem Buch „Loew – Lebenswege einer jüdischen Familie“ eindrucksvoll und einfühlsam beschrieben.
Es sind die Vorfahren seiner Mutter, der Schauspielerin Paola Loew, deren Schicksale der Autor über zwei Jahrhunderte hinweg schildert.
„Unser Vater (Friedrich Gulda) hat seine eigene illustre Karriere mit dem Konzertverzeichnis gewissermaßen selbst geschrieben, seine Schwester die Gulda’sche Genealogie aufgezeichnet. Die Loew’sche Geschichte dagegen, die in jüdische Sphären führt, war ein „blinder Fleck“, diese Leere wollte ich füllen“, so David Gulda.
Das Buch liest sich spannend wie ein Roman. Auf eine unendliche Vielzahl an dokumentarischem Material aus unterschiedlichen Archiven, Biographien, welthistorischen Schilderungen, historischen Ereignissen stützt sich Gulda in seinem Werk. Er sieht sich den Fakten verpflichtet, gestattet sich aber, wo immer notwendig, auch Annahmen und nimmt sich da und dort schriftstellerische Freiheit – „die Fiktion als treue Dienerin der Faktizität“.
Anhand von Dokumenten, die David und Paul Gulda in Archiven von Tschechien über Kroatien, Rumänien, Österreich, Italien und Argentinien fanden und persönlichen Gegenständen, von Generation zu Generation weitergegeben, gestaltete David Gulda sein Buch.
Wer den Lebenswegen der Familie Loew folgt, entdeckt hinter den Namen Menschen, kann nicht unbeteiligt über deren Geschicke hinwegsehen, erlebt ihre Zweifel, ihre Freuden und Qualen. Wenn etwa ein Familienvater jung stirbt und eine Frau mit sieben Kindern zurücklässt, wenn die Familie vor Hitlers Rassenwahn fliehen muss, man fühlt mit, wird gesogen in den Wirbel der Ereignisse.
Die Geschichte der Familie Loew ist eine Geschichte des Wanderns, des Auswanderns. Paul Gulda: „Die Juden mussten oft wandern, weggehen, fliehen, weil ihnen nicht gestattet war, sich niederzulassen und Familien zu gründen“. Ihre Anzahl wurde streng limitiert, etwa in Mähren, die Ausübung bestimmter Berufe war ihnen verwehrt, sie wurden ausgegrenzt, gedemütigt, in schlimmsten Zeiten vertrieben und beraubt oder gar in Pogromen ermordet.
Selbstverständlich konnte auch das bitterste Kapitel der jüngeren Geschichte nicht übergangen werden – die Gräuel des Naziregimes, die Vernichtung von Millionen Juden in Konzentrationslagern. David Gulda dazu: „Die Shoa ist in dem Buch nicht ausgespart, nimmt aber keinen großen Raum ein. Die Beschäftigung mit dem Thema hat mich verändert, ich bin stark emotional involviert. Aber wir sind nicht mit dem Bewusstsein unserer im KZ ermordeten Verwandten aufgewachsen“.
Zum Umgang mit „Geschichte“ erklärt Paul Gulda: „Unser Vater hat immer im Jetzt der entstehenden Musik gelebt, oder im Morgen des Neuerschaffens. Geschichte und Geschehenes war für ihn abgelegt. Auch unsere Mutter erzählte nie von Argentinien. Wir fragten die Eltern kaum. Für unseren Großvater schien, rückblickend, Assimilation ein inneres Programm, er wurde Musteritaliener, Mitglied der faschistischen Partei, wie etwa ein Drittel der italienischen Juden.“
„Wir wollten wie alle Kinder sein, trotzdem waren wir eine „andere Familie“ – Vater war „ein bunter Vogel“, die Mutter Italienerin, Schauspielerin. Die Mitschüler sahen in mir einen Wichtigtuer und G’schaftlhuber, weil ich mehr kannte und gehört hatte. Unser Buch scheint vielleicht etwas Besonderes; ja, es gibt reichlich Kolorit, aber in vielen Familien liegen ähnlich komplexe Geschichten am Grund der Erinnerung.“
David Gulda dazu: „Wir hatten die Gelegenheit, ein Buch über unsere Familie zu verfassen, das hebt sie hervor, niemand hat es verlangt. Ich hatte mitunter das Gefühl, als würde mir jemand diktieren“.
David und Paul Gulda vollendeten wohl, was ihr Großvater Guglielmo Loew sich gewünscht hatte: Angelehnt an eine Jugendlektüre wollte er ein Buch schreiben: „Von den Anden zum Apennin“. Er kam nicht dazu, es wäre die Geschichte einer (Rück)wanderung geworden.
Tiefsinnig und offen, sehr persönlich Paul Guldas, des Musikers, Nachwort „Klänge einer Kindheit“. Eine Betrachtung des eigenen Werdens, umhüllt von „Tönen, Namen, Worten, die sich zu einem Klanggewebe verknüpfen“. Musik begleitet sein Wandern durch die Kindheit, ebenso wie die unterschiedlichen Sprachen, die von den zahlreichen Verwandten gesprochen werden. „Dimmi chi sei – sag mir wer du bist! Vielleicht klingt im Hintergrund mit: „Sag mir, wer ich bin“. Am Ende steht Hoffnung auf eine bessere Welt, in der „die Menschen wieder den gemeinsamen Klang suchen“.
Ich danke David und Paul Gulda für das Gespräch und den Einblick, den sie in ihr Leben gewährt haben.
(Text: Hedy Wechner)
Musikalisch wird die Lesung von Paul Gulda begleitet
Eintritt freiwillige Spenden
Veranstalter: Rotary Club Wörgl/ Brixental
Veranstaltungszentrum Komma Wörgl
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